Silokatastrophe Kiel 1970: Sechs Tote im Nordhafen

1970 zerstörte eine Staubexplosion ein Silo im Kieler Nordhafen. Sechs Menschen starben. Was geschah und was ergaben die Ermittlungen?

Silokatastrophe Kiel 1970: Sechs Tote im Nordhafen

Am 14. Dezember 1970 erschüttert eine verheerende Explosion den Kieler Nordhafen und hinterlässt ein Bild der Zerstörung. Sechs Menschen sterben bei der Katastrophe, deren Ursache später auf eine gefährliche Kettenreaktion aus Getreidestaub zurückgeführt wird.

Quelle: Friedrich Magnussen

Ein Dezemberabend, der Kiel erschütterte

Es ist Montag, der 14. Dezember 1970. Gegen 17:20 Uhr ereignet sich am Kieler Nordhafen, unmittelbar am Nord-Ostsee-Kanal und unweit der Holtenauer Hochbrücken, eine gewaltige Explosion.

Betroffen ist das Getreidesilo der Kieler Lagerhaus GmbH. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die Industrieanlage in ein Trümmerfeld. Gebäudewände werden aufgerissen, massive Betonteile zerstört und Fahrzeuge schwer beschädigt.

Die Katastrophe fordert sechs Menschenleben. Ein zeitgenössischer Untersuchungsbericht nennt außerdem 16 überwiegend schwer verletzte Personen.

Quelle: Friedrich Magnussen

Augenzeugen berichten von riesigen Flammen

Wie heftig die Explosion gewesen sein muss, zeigen die Aussagen damaliger Augenzeugen. In einem später veröffentlichten Fachbericht beschreibt ein Beobachter vom gegenüberliegenden Kanalufer eine gewaltige Stichflamme, die mehrere Hundert Meter in den Himmel geschossen sein soll.

Andere Zeugen berichten von einer riesigen Feuerkugel und mehreren unmittelbar aufeinanderfolgenden Explosionsknallen. Menschen und Fahrzeuge sollen durch die Druckwelle bis zu 30 Meter weit geschleudert worden sein.

Selbst Beschäftigte, die sich außerhalb der Gebäude aufhielten, erlitten durch die enorme Hitze schwere Verbrennungen.

Auch die Infrastruktur rund um den Unglücksort ist betroffen. Die Holtenauer Hochbrücken und der Nord-Ostsee-Kanal müssen vorübergehend gesperrt werden.

Zwei Tote und vier Vermisste – das ganze Ausmaß wird erst später deutlich

Unmittelbar nach dem Unglück ist zunächst von zwei getöteten Arbeitern und vier Vermissten die Rede. Später steht fest, dass insgesamt sechs Menschen ums Leben gekommen sind.

Das Ausmaß der Schäden ist außergewöhnlich. Teile der Silogebäude sind einsturzgefährdet, ein Eisenbahnwaggon wird zerstört und ein Auto durch herabfallende Trümmer schwer beschädigt.

Auch das Verwaltungsgebäude zwischen den Silobauten wird verwüstet. Die dort beschäftigten Menschen können sich jedoch lebend retten.

Der Versicherungsschaden wird in einer fachlichen Untersuchung aus dem Jahr 1972 mit rund 35 Millionen D-Mark beziffert.

Quelle: Friedrich Magnussen

Wie konnte Getreidestaub eine solche Katastrophe auslösen?

Was zunächst ungewöhnlich erscheint, lässt sich durch die Eigenschaften von feinem Getreidestaub erklären.

Am Unglückstag war am Nordhafen amerikanische Gerste aus einem großen Frachter entladen worden. Die Entladung mit einer pneumatischen Sauganlage war laut Untersuchungsbericht gegen 16:30 Uhr beendet.

Die transportierte Gerste war außergewöhnlich trocken und enthielt einen hohen Anteil feinster Staubpartikel. Solcher Staub kann, wenn er in ausreichender Konzentration in der Luft verteilt ist und entzündet wird, explosionsartig verbrennen.

Bei der späteren Untersuchung zeigte sich, dass sich in Kellerbereichen der Anlage stellenweise Staubschichten von bis zu fünf Zentimetern angesammelt hatten.

Die Ermittler rekonstruierten eine erste Explosion im Kellerbereich nahe dem Bürogebäude. Durch die entstehende Druckwelle wurde weiterer Staub aufgewirbelt, der sich ebenfalls entzündete. So entstand eine verheerende Kettenreaktion, die weite Teile des Gebäudekomplexes zerstörte.

Die genaue Zündquelle blieb ungeklärt

Eine technische Untersuchungskommission unter Leitung des Kieler Chemikers Wilhelm Jach untersuchte den Unglücksort ausführlich.

Dabei geriet unter anderem ein Antriebsmotor mit starken Staubablagerungen in den Fokus. Die Ermittler hielten eine Glimmzündung durch eine warme Motoroberfläche für möglich.

Mit letzter Sicherheit konnte der konkrete Auslöser jedoch nicht festgestellt werden.

Deutlich wurde dagegen, dass die Gefahren durch trockenen Getreidestaub in Deutschland bis dahin offenbar unterschätzt worden waren.

Die Untersuchung beschäftigte sich deshalb auch mit Möglichkeiten, vergleichbare Katastrophen künftig zu verhindern. Dazu gehörten eine bessere Entstaubung der Anlagen, Schutzmaßnahmen an elektrischen Einrichtungen und technische Systeme zur Eindämmung von Explosionen.

Quelle: Friedrich Magnussen

Die Zerstörung blieb noch Monate sichtbar

Historische Fotografien des Kieler Stadtarchivs dokumentieren, welche Schäden die Explosion hinterließ.

Auf den Aufnahmen sind aufgerissene Gebäudefassaden, freigelegte Treppenhäuser, zerstörte Arbeitsbereiche und die Trümmer rund um die Silobauten zu erkennen.

Die beschädigte Anlage musste schließlich teilweise abgerissen werden. Im Mai 1971 wurden Teile des zerstörten alten Silos kontrolliert gesprengt.

Eine Katastrophe, die zur Kieler Stadtgeschichte gehört

Mehr als ein halbes Jahrhundert später erinnern die erhaltenen Fotografien und technischen Untersuchungsberichte an eines der folgenschweren Industrieunglücke der Kieler Nachkriegszeit.

Am 14. Dezember 2026 jährt sich die Katastrophe zum 56. Mal.

Die Explosion am Nordhafen zeigt, wie gefährlich auch Stoffe werden können, die im Alltag völlig harmlos erscheinen. Vor allem aber bleibt sie ein tragisches Kapitel der Kieler Stadtgeschichte, bei dem sechs Menschen ihr Leben verloren.

Quelle: Friedrich Magnussen

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